Der weibliche Blick in der koranischen Geschichtserzählung

et. Was die Heilige Schrift des Korans auf intellektueller und spiritueller Ebene so interessant für jeden Leser macht, ist nicht nur die umfangreiche Anzahl der dort behandelten Themen, sondern auch die verschiedenen Ebenen von Narrationen. Eine Narration ist im Koran einer der komplexesten Bereiche, die einem Laien im Verlaufe seines Lesens der heiligen Schrift begegnen. Der Übergang von Ich, Er und die Form des pluralis majestatis «Wir» verläuft simultan in vielen Abschnitten im Text.

Dennoch spielt der Koran selbst trotz dieser Komplexität eine besondere Rolle im Alltag des einfachen Lesers, abhängig von der Intention jedes einzelnen. Der Koran gilt manchmal als die Quelle des Glaubens und seiner Auslegung für die systematische Lehre des Kalāms (die islamische Tradition der Dialektik, d.h. die Theologie) Unter anderem wird der Koran auch als Quelle für die Normenfindung im Alltag des Lesers betrachtet. Jedoch widmet sich ein ganz besonderer Teil des Textes der Geschichtserzählung über die verschiedenen vorislamischen Propheten, um den Adressaten (damals den Propheten Mohammed und seine Glaubensgemeinde) in Zeiten von Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht nur zu trösten, aber auch zu unterhalten. Man könnte auch sagen, dass der Koran einen Blick auf die Realität des Lesers wirft. In diesem Zusammenhang spricht die göttliche Rede durch verschiedene Figuren in den einzelnen Suren und Versen im Koran, um Stimmung und Spannung in die Moral der Geschichtserzählung für den Leser zu vermitteln.

Ein etwas unterschätzter und nicht kleiner Bestandteil der göttlichen Rede ist oftmals aus der Perspektive des weiblichen Blickes (in prophetischen/nicht prophetischen Häusern) geschrieben. Unter anderem gilt es als Vehikel für Frömmigkeit, Widerstand aber auch Ironie, Humor, gesellschaftliche Kritik und Selbstreflexion. Im Falle von ‘Ibrāhīms Gattin Sara, begegnet man dem weiblichen Blick in seiner Ausdrücklichkeit und seinem Sinn für Humor in ihrer Reaktion auf die Botschaft des Engels: «Und sein Weib stand (daneben); auch sie war von Furcht erfüllt, woraufhin Wir ihr die frohe Botschaft von Isaak, und nach Isaak von Jakob verkündeten. Sie sprach, Ach, weh mir! Soll ich ein Kind gebären, wo ich eine alte Frau bin, und dieser mein Ehemann ein alter Mann ist? Wahrlich das wäre fürwahr eine seltsame Sache» (Sure 11, Verse 71-72). Der Sinn für Humor kann als eine subtile Kritik an den konventionellen Erwartungen im Kontext der damaligen Gesellschaft (auch bis heute) an den weiblichen Körper verstanden werden.

Des Weiteren begegnet man dem weiblichen Blick bei Asiyā, der Gattin des Pharaos, erstens als Ausdruck des Widerstands als sie dem Prophetensäugling (Mūsā) das Leben rettete: „dieses Kind ist eine Augenweide mir und dir! Tötet es nicht. Vielleicht erweist es sich nützlich für uns, oder wir nehmen es als Sohn an.“ (Sure 28, Vers 9). Ihr Blick ist auch unapologetisch und kraftvoll fromm: „Mein Herr! Baue mir ein Haus bei Dir im Garten und befreie mich von Pharao und seinem Werk und befreie mich von dem Volk der Frevler!“ (Sure: 66, Vers 11).

Im Beispiel von Mūsās Gattin (Ṣaffūra) spricht der weibliche Blick für sich selbst und nimmt ihr Schicksal aktiv in die Hand (obwohl sie indirekt ihr Interesse an Mūsā bekundet) „O mein Vater, stellt ihn in deinen Dienst ein; denn der beste Mann, den du einstellen kannst, ist wahrlich der, der stark und ehrlich ist.“ (Sure 28, Vers 26). Ṣaffūra spricht hier für sich selbst und zeigt damit die Präsenz ihrer agency.

Eine ganz spannende Auseinandersetzung beim Propheten Yūsūf (besonders mit Zūlaikha und den höfischen Damen). Dort charakterisiert sich der weibliche Blick graduell in Phasen, beginnend mit der verführerischen Begeisterung durch Josephs Anziehungskraft und Attraktivität im Munde der höfischen Damen in Ägypten: «Die Frau des hohen Herrn versucht, ihren Burschen zu verführen. Er hat sie in leidenschaftliche Liebe versetzt. Wir sehen wahrlich, sie befindet sich in deutlichem Irrtum» (Sure, 12 Vers 30), und als sie ihn sahen sind sie selbst in Begeisterung geraten: «Allah behüte! Das ist kein Mensch, das ist nur ein ehrenvoller Engel», als sie die Reaktion der höfischen Damen sah, sagte Zūlaikha zu ihnen: «Seht! das ist der, dessentwegen ihr mich getadelt habt. Ich habe allerdings versucht, ihn zu verführen, doch er widerstand. Und wenn er nicht tut, was ich ihm befehle, wird er ganz gewiss ins Gefängnis gesteckt werden, und er wird gewiss zu den Gering geachteten gehören.» (Sure 12, Vers 32). Zu ihrem angriffslustigen Anklagen, bis und mit ihrem Beichten ihrer Listigkeit steht Folgendes im Koran: „Jetzt ist die Wahrheit ans Licht gekommen. Ich habe versucht, ihn zu verführen. Und er gehört fürwahr zu den Wahrhaftigen. Dies ist, damit er weiss, dass ich ihn nicht in seiner Abwesenheit verraten habe und dass Allah die List der Verräter nicht gelingen lässt». (Sure 12, Verse 51-52). Interessant bei Zūlaikhas weiblichem Blick ist die koranische Nachverfolgung dieser “Evolution”, von ihrer flammenden Liebe für Joseph bis zu ihrer Versöhnung und Vergebung. Damit berichtet der Koran über einen exemplarischen selbstreflexiven Blick, um Hoffnung auf Charakterreinigung für den Leser zu vermitteln. Ihre Schilderungen sind aus der «ich» Perspektive formuliert was für den Leser natürlich intimer und persönlicher wirkt.

Ein gleichermassen interessanter Gegenstand des weiblichen Blickes befindet sich in der Geschichte der Königin von Saba (Belkīs). Hier charakterisiert sich der weibliche Blick, als eine Stimme für Vernunft, Versöhnung und Konsensfindung. Denn Sabas Königin befindet sich in einer viel mächtigeren Position als ihre Untergeordneten aber dennoch bietet sie Gelegenheit und Raum für Mitbestimmung indem sie ruft: «O ihr Vornehmen, ratet mir in dieser Sache. Ich entscheide keine Angelegenheit, solange ihr nicht zugegen seid. Wahrlich, wenn Könige in ein Land eindringen, verwüsten sie es und machen die höchsten seiner Bewohner zu den niedrigsten. So verfahren sie» (Sure 27, Vers 33-34). Dabei ist wichtig zu beachten, dass Gott hier den Akt des Sprechens der Königin von Saba positiv bestätigt, indem Er ihre Auskunft mit «…so verfahren sie» affirmativ stärkt.

Bei Imrāns (lat. Joachims) Gattin  ist der weibliche Blick wiederum gekennzeichnet von einem starken Willen, ihren Leib Gott zu widmen. Jedoch beklagt sie sich trotzdem bei ihm, da das Geschlecht ihres Kindes nicht den Erwartungen und Vorstellungen der damaligen Gesellschaft entspricht: „Mein Herr, siehe, ich gelobe Dir, was in meinem Leibe ist, zu weihen; so nimm es von mir an; siehe, Du bist der Allhörende, der Allwissende.„, „Mein Herr, siehe, ich habe es als Mädchen geboren.“ “Und Allah wusste wohl, was sie geboren hatte; denn der Knabe ist nicht wie das Mädchen. Und ich habe sie Maria genannt, und siehe, ich möchte, dass sie und ihre Nachkommen bei Dir Zuflucht nehmen vor dem gesteinigten Satan.„(Sure 3, Verse 34, 52).

Die Präsenz des weiblichen Blickes in der koranischen Geschichtserzählung deutet daraufhin, dass dieser Blick nicht nur bereits existierte, sondern auch eine zentrale Funktion in der koranischen Erzählung innehatte. Der koranische weibliche Blick bringt neue Möglichkeiten mit sich. Ein humorvoller Blick, der über die konventionelle Moralität hinausschaut und die soziale Realität an verschiedenen Stellen des Korans kritischer betrachtet und hinterfragt. Zudem zeigt der weibliche Blick exemplarische Beispiele von Konsens und Harmonie angesichts der Differenzen in Situationen der kriegerischen Auseinandersetzung auf, wie im Fall von der Königin von Sabā. Diesbezüglich berichten einige Koranexegeten, dass ihre koranische Darstellung ein exemplarischer Fall für die Schriften des Fürstenspiegels zu verstehen ist. Subjektivität und Selbstreflexion sind bemerkenswerte Aspekte der Geschichtserzählung, wie bei Zūlaikha. So wird im Koran die Reue einer einzelnen Figur (auf arab. ihre tawba) ewig von Lesern zitiert als Ehrung und auch Hommage für die Frömmigkeit dieser Figur.